In Teil 1 dieser Geschichte erzählte ich, wie ich mir als Mutter meines eigenen Schultraumas bewusst wurde und mich vom Glauben an die Bedeutsamkeit von Noten befreien konnte. Dies geschah als mein Sohn auf eine Schule mit musikalischem Schwerpunkt ging und in der 6. Klasse das Notenniveau im Musikunterricht deutlich abstürzte, wobei er sich bei diesem Erdrutsch mit einer 6 in der Klassenarbeit an vorderster Front befand.
Kurz nachdem ich diesen Schritt gegangen war und meine Angst vor Noten hinter mir ließ, folgte ein Elternabend auf dem mir klar wurde: Wenn ich für mein Kind wirklich hilfreich sein wollte, musste ich noch einen zweiten Schritt
gehen, von dem ich nun erzählen möchte.
Auf diesem Elternabend erklärte uns der Musiklehrer, unsere Kinder seien zu unkonzentriert und würden nicht die erforderliche Ernsthaftigkeit an den Tag legen. Am Lernverhalten unserer Kinder müsse sich dringend etwas ändern und wir als Eltern sollten darauf Einfluss nehmen. Kurz zusammengefasst: Die letzte Musikarbeit hatte einen Notendurchschnitt von 3,9 und er meinte, daran wären allein unsere Kinder und wir als Eltern schuld.
Es fühlte sich für mich an, als hätte er gerade einen tiefen Graben zwischen uns geschaufelt. Über diesen Graben schaute ich mit finsterer Miene in seine Richtung und in mir grummelte es: „Er übernimmt keine Verantwortung! Ich will, dass er sich mal fragt, was der Notendurchschnitt mit ihm als Lehrer zu tun haben könnte! Ich brauche von ihm, dass er an die Kinder glaubt.“
Und ganz ehrlich, all diese Gedanken tauchten nicht erst auf dem Elternabend auf. Ich ging dort schon mit hochgekrempelten Ärmeln hin. Wie eine Löwenmutter wollte ich mich vor mein Kind stellen und mein Frieden, den ich mit dem Loslassen des Notenstresses gerade erst gefunden hatte, löste sich auf.
Wir hatten diese Schule aufgrund ihres besonderen Charakters ausgewählt. Eine bessere Schule in unserem Umfeld kannte ich nicht, so dass ein Schulwechsel nicht in Frage kam. Aber wie würde sich mein Sohn fühlen, wenn er mitbekäme, dass ich seinen Lehrer für unfähig hielt und dachte, dass er seinen Job falsch mache. Wie würde er sich fühlen, wenn er dennoch jeden Tag wieder an diesen Ort gehen müsste? Mache ich dann meinen
Job richtig? Meinen Job als Mutter? Mit meinen Gedanken über Noten hatte ich Stress ausgelöst, der sich auf mein Kind übertrug. Wäre das mit meinen Gedanken über seinen Lehrer anders? Hier kommen wir also zum zweiten Schritt. Es war an der Zeit, Klarheit und Frieden in meine Gedanken über den Lehrer zu bringen.
Nicht so einfach in dem Moment, wo ich auf dem Elternabend sitze und mir der Kamm schwillt! Aber genau diese Schwellung führt mich zur Lösung. Der geschwollene Kamm ist das Symptom und was kann ich tun, um die Schwellung zum Abklingen zu bringen? Ich schaue mir die Ursache an – und das sind meine Gedanken.
Byron Katie, die Begründerin von The Work, sagt: „Ich lasse meine Gedanken nicht los. Ich hinterfrage sie, dann lassen sie mich los.“ Und hier geht es nicht um positives Denken, Beschönigung oder Verdrängung. Es geht um einen Prozess der ehrlichen Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich stelle mir die Fragen von The Work und gehe dabei in die Stille.
„Der Musiklehrer übernimmt keine Verantwortung.“
Wie reagiere ich, was passiert, wenn ich das glaube?
Ich führe einen stummen Kampf mit dem Lehrer. Es fühlt sich an wie Tauziehen. Ich fühle mich weit von ihm entfernt. Da gibt es diesen tiefen Graben, der uns trennt, so dass ein Aufeinanderzugehen und ein konstruktives Miteinander nicht möglich sind.
Wie behandele ich den Musiklehrer, wenn ich glaube, dass er keine Verantwortung übernimmt?
Auf seiner Stirn sehe ich ein großes Schild, auf dem steht „inkompetent“. Ich nehme in dieser Situation nicht mehr wahr, was er als Lehrer leistet. Er ist für mich in dem Moment jemand, der gar keine
Leistung vollbringt. Das ist nicht förderlich für unsere Beziehung und auch nicht fair. Ich behandele ihn innerlich herablassend und wenig wertschätzend. Ich verschließe mich vor ihm und wir sind auf jeden Fall keine Freunde mehr.
Was sehe ich nicht, wenn ich glaube, dass er keine Verantwortung übernimmt?
Ich vergesse, wie oft mein Sohn mir schon erzählt hat, dass dieser Lehrer immer wieder versucht, Fröhlichkeit unter den Kindern zu verbreiten. Ich sehe nicht, dass er auch einfach nur ein Mensch in diesem Schulsystem ist, der sein Bestes gibt und dass er aus seiner Sicht auf diesem Elternabend Verantwortung übernimmt, indem er versucht, uns Eltern mit ins Boot zu holen. Ich unterstelle ihm unterlassene Hilfeleistung und jetzt erkenne ich: Er sieht sich gerade am Ende seiner Lösungsmöglichkeiten. Es ist also nicht so, dass er nicht will, sondern er kann
nicht und das ist eine Momentaufnahme, die sich ändern kann, aber sicher eher, wenn ich ihm wohlwollend und unterstützend begegne, als wenn es nur um gegenseitige Schuldzuweisung geht. Gegenseitige Hilfe war hier nun also gefragt. Ich als Mutter habe ihm aber in dieser Situation nicht geholfen, denn auf dem Elternabend war ich noch nicht in der Lage, mir diese Fragen zu stellen. Das tat ich erst im Nachhinein.
Wozu bin ich nicht in der Lage, wenn ich glaube, der Lehrer übernimmt keine Verantwortung?
Ich bin nicht in der Lage, ihn ernst zu nehmen und zu erkennen, dass er sich tatsächlich Sorgen um die Kinder macht. Ich kann ihn nicht dort abholen, wo er steht, und insofern sind wir uns überhaupt nicht begegnet. Das ist es, was oft an Schulen passiert, dass Eltern und Lehrer sich nicht wirklich begegnen und daher keine gemeinsamen Lösungen finden.
„Er übernimmt keine Verantwortung.“
Wer wäre ich in der gleichen Situation ohne den Gedanken?
Ohne den Gedanken kann ich zwei Möglichkeiten sehen. Erste Möglichkeit:
Ich selbst
übernehme die volle Verantwortung, indem ich hinter meinem Kind stehe, es seelisch und moralisch unterstütze und den Druck rausnehme. Und vielleicht reicht das schon. In unserem Fall kann ich bestätigen, dass es so war. Zweite Möglichkeit:
Ich gehe mit dem Lehrer in Kontakt und versuche mit ihm eine Lösung zu finden, offen und ohne Vorwürfe, so dass wir uns nicht in Fronten gegenüberstehen. Und ja - das kann für mich als Mutter eine Herausforderung sein, wenn ich selbst noch im Schmerz bin. Dieser Weg ist auch nicht mal eben so schnell an einem Abend beschritten, aber es ist ein Weg, der sich lohnt. Ich kann diese beiden Möglichkeiten sehen und tätig werden. Das fühlt sich gut an, denn dann bin ich Herr der Lage und fühle mich nicht mehr ohnmächtig.
Ja, es geht ums eigene Tätigwerden, denn auf dem Elternabend traf der Vorwurf, den ich ihm machte, genauso auf mich zu. Ich übernahm keine Verantwortung, in dem Moment wo ich nur verurteilte und erwartete, dass er uns entgegenkommt. Und mir wird bewusst, dass ich auch damals in meiner Schulzeit keine Verantwortung übernahm, sondern alles nur über mich ergehen ließ. Solange ich mich in irgendeiner Weise als Opfer fühle oder meinen Sohn als Opfer sehe, gibt es mit Sicherheit einen Teil in mir, der keine Verantwortung für mein eigenes Handeln übernimmt.
„Ich will, dass er sich mal fragt, was der Notendurchschnitt mit ihm als Lehrer zu tun haben könnte.“
So lautete mein zweiter Gedanke auf dem Elternabend.
Und was passiert, wenn ich das glaube?
Ich zücke mein Schwert und es wird weitergekämpft. Welchen Kampf führe ich da? Ich führe den Kampf weiter, den ich damals stumm rebellierend gegen meine eigenen Lehrer führte, als ich mich in meiner Schulzeit hilflos und ausgeliefert fühlte. Bääm! Da zeigt sich mein Schultrauma wieder. Und wieder vermischt es sich mit der Situation meines Sohnes und erweist sich als nicht hilfreich. Denn das haben wir ja nun schon geklärt: Kämpfen hat noch nie wirklich Frieden geschaffen!
Nicht anders sieht es bei meinem dritten Gedanken über den Musiklehrer aus: „Ich brauche von ihm, dass er an die Kinder glaubt.“
Dieser Gedanke ist mit uraltem Schmerz verbunden. Ich befinde mich sofort wieder in meiner Kindheit und bei dem Gedanken, dass in meiner Schulzeit irgendjemand an mich geglaubt haben könnte, breche ich in hysterisches Kichern aus. Diesen Schmerz möchte ich meinem Sohn und den anderen Kindern ersparen. Ich fletsche die Zähne und bin die Kämpferin für die Gerechtigkeit.
Wer wäre ich in der gleichen Situation ohne all diese Gedanken über den Lehrer?
Ich könnte aus meinem Schultrauma auftauchen, in meine Kraft kommen und hilfreich tätig sein. Indem ich darauf vertraue, dass ich weiß, was mein Sohn braucht und was bei ihm gerade los ist. Indem ich fest an ihn glaube auch an mich selbst als Mutter und mein Konzept glaube. Dann gibt es keinen Grund mehr irgendetwas zu verteidigen oder zu beschützen. Dann habe ich Klarheit und bin unabhängig.
Ohne all diese Gedanken, könnte ich dem Lehrer zuhören, wirklich wahrnehmen, was er sagt und genau dort anknüpfen. Wenn ich von meinem eigenen Schmerz befreit bin, kann ich aus meinem Film aussteigen und dem Lehrer helfen, aus seinem Film auszusteigen, indem ich konstruktive Ideen einbringe.
Ich könnte die gute Fee auf dem Elternabend sein, denn mir würde das Herz nicht mehr bis zum Hals schlagen. Ich könnte Impulse geben und dies entspannt so zum Ausdruck bringen: „Die Kinder haben gerade eine Durststrecke, aber sie schaffen das. Wichtig ist, dass wir an sie glauben und ihnen vertrauen. Haben Sie schon einmal mit den Kindern gesprochen und sie gefragt, was sie brauchen? Wollen wir das mal machen?“ Ich könnte sagen: „Ich kenne das von mir: Wenn ich mich in einer Situation mit dem Rücken an der Wand und gestresst fühle, fällt es mir schwer gute Leistung zu bringen. Geben wir den Kindern noch etwas Zeit und machen wir vor allen Dingen keinen Druck.“
Bei all dem brauche ich von mir, dass ich an den Lehrer glaube.
Ja, ich möchte Vertrauen in den Lehrer haben und das ins energetische Feld setzen. Ich will den Lehrer nicht abschreiben. Unsere Gedanken erschaffen doch unsere Realität!
Ich wünsche mir sehr, dass sich an unserem Schulsystem etwas ändert, so dass unsere Kinder mit Freude und Leichtigkeit lernen können und ich würde mich freuen, wenn dies geschähe, ohne dass wir irgendjemanden zurücklassen. Die Kinder nicht und genauso wenig die Lehrer. Es wäre grandios, wenn wir es fertigbrächten, an der Stelle, wo Sand im Getriebe ist, mit allen Beteiligten zusammen Frieden zu schaffen.
Immer wenn Du denkst, irgendjemand sollte an Dein Kind glauben, dann kannst Du Dich fragen: Glaube ich an mein Kind? Finde drei konkrete Beispiele dafür, inwiefern Du an Dein Kind glauben solltest. Du brauchst, dass die Lehrer Dein Kind unterstützen?
Finde drei konkrete Beispiele, wie Du Dein Kind unterstützen kannst und frage es, welche Unterstützung es sich wünscht. Die Lehrer sollten sich anders verhalten?
Wo ist Dein Part? Was kannst Du Positives ins Feld setzen?
Die innere Auseinandersetzung mit dem Lehrer meines Sohnes bzw. mit mir selbst, zeigte mir deutlich, dass es da noch einen dritten Schritt
gab, den ich gehen durfte: Frieden mit meinen eigenen Lehrern finden und damit mein Schultrauma heilen. Damit beschäftige ich mich im dritten Teil dieser Geschichte. Ein großer Schritt, der auch nicht an einem Nachmittag getan ist, aber vielleicht der wichtigste Schritt, denn es reicht nicht, mich an das Schultrauma zu erinnern. Es geht um Heilung und Heilung geschieht durch Vergebung.